Minden (mt). Als die Kanzlerin sich den Weg durch die Menge bahnte, kam Bewegung in die Zuschauerreihen: Hälse wurden gereckt, Fotoapparate in die Höhe gestreckt und Beifall geklatscht, um die bekannteste CDU-Politikerin Deutschlands auf dem gut gefüllten Marktplatz der Weserstadt zu empfangen.
Gruppenbild mit \"Chefin\": Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Mindener Bundestagsabgeordneten Steffen Kampeter (r.) und dem Vorsitzenden der CDU in Ostwestfalen-Lippe und Europaabgeordneten, Elmar Brok. (Fotos: Manfred Otto)Die ist aber ziemlich klein", meint eine dunkelhaarige Frau, die Schwierigkeiten hatte, einen Blick auf die prominente Frau im hellgrünen Blazer in der Menge zu erhaschen. Auf dem Weg zur Bühne vor dem Mindener Rathaus schüttelte die direkt aus Berlin kommende Wahlkämpferin viele Hände und tat dies offensichtlich auch gerne. Musikalisch unterlegt wurde der "Einzug" der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden mit dem Rolling Stones Song "Start me up".
Los ging es auf der Bühne mit einem locker geführten Interview. Moderator Jochen Sattler wollte wissen, ob es nicht anstrengend ist Politiker zu sein. "Wer als Politiker tagtäglich darüber jammert, dass er zuviel arbeiten muss, der hat den falschen Beruf gewählt", gab Angela Merkel zu bedenken.
Dann geht es unter anderem um das Thema Fußball. Heimspiel für die fußballbegeisterte Kanzlerin. Auf die Frage, ob sie sich lieber am gestrigen Donnerstag das EM-Fußballfinale der Frauen anschauen würde oder ein Fernseh-Porträt über sich in der ARD, antwortete die Kanzlerin prompt: "Fußball". Die Erklärung lieferte sie gleich nach: "Mich kenne ich ja ganz gut selbst, außerdem habe ich eine DVD von dem Fernsehporträt zu Hause." Hier präsentiert sich Angelas Merkel als volksnahe Kanzlerin zum Anfassen.
Die anschließende Wahlkampfrede fiel dagegen trockener aus. Hier lässt die Kanzlerin die Strategie der CDU erkennen, mit Errungenschaften der Vergangenheit Kompetenz auch für die Zukunft zu unterstreichen. Schon im Vorprogramm läuft auf dem Marktplatz ein Film über die zurückliegenden sechs Jahrzehnte Bundesrepublik. Konrad Adenauer und der Wiederaufbau, Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder sowie nicht zuletzt Helmut Kohl und die Wiedervereinigung. Die Botschaft ist klar: In schwierigen Zeiten hat die CDU stets den richtigen Weg gefunden.
Merkel wirbt mit solchen Rückblicken um Vertrauen. Zudem vermeidet sie auf diese Weise geschickt die direkte Konfrontation mit Frank-Walter Steinmeier und der SPD. Es dauert ganze 13 Minuten, bis die Kanzlerin sich zu möglichen Koalitionen äußert. "Es ging auch mit den Sozialdemokraten irgendwie", sagt sie. Aber mit der FDP ginge es eben besser.
Große Emotionen weckt sie während ihrer etwa halbstündigen Rede kaum. Zwar gibt es regelmäßig Applaus, die "Angie, Angie"-Sprechchöre blieben - wenn überhaupt - leise. Dabei hatte Merkel bei ihrem Einmarsch durch die Menge die Menschen noch von den Sitzen gerissen. Auch die Gegner bleiben ruhig. Lediglich bei ihrem Bekenntnis zu längeren Laufzeiten von Atomkraftwerken gibt es lautstarken Protest - aber nur kurz.
Die Kanzlerin präsentiert sich staatstragend, ohne Ecken und Kanten. Sie spricht über bessere Bildung, mehr Kinderbetreuung und über erneuerbare Energie. Das spricht zunächst einmal Wähler aus fast allen politischen Lagern an.
Konkret wird Angela Merkel hingegen kaum. Aber dafür zuweilen populistisch. Zum Beispiel beim Thema Wirtschaftskrise. "Es geht doch nicht, dass die Karstadt-Verkäuferin um ihren Job bangt und der Verantwortliche für ein halbes Jahr Arbeit das Geld für fünf Jahre bekommt. 15 Millionen Euro, das ist nicht, was ich mir unter Gerechtigkeit vorstelle", wettert die Kanzlerin. Bei Aussagen wie dieser war ihr jedes Mal der Applaus auf dem Mindener Marktplatz sicher. Eine harte und tief greifende Wahlkampfrede hatte das Mindener Publikum wahrscheinlich auch gar nicht erwartet.